Kreismuseum Wewelsburg 1, in Zusammenarbeit mit der Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne und dem Gedenktag 2. April in Wewelsburg - Verein wider das Vergessen und für Demokratie e.V. 2
Datum
13. Dezember 2011
Uhrzeit
18.00 – 21.15 Uhr
Ort
Burgsaal der Wewelsburg (Eingang über den Innenhof)
Jan Raabe, Diplom. Soz. Päd., aktiv für den „Verein Argumente & Kultur gegen rechts“ 3, Autor zum Thema zur extrem Rechten und zur rechten Jugendkultur
Dr. Karsten Wilke, Historiker, Bildungsreferent beim AKE-Bildungswerk (Vlotho) 4
Belassung des Obelisken in der heutigen Form - Stellungnahme
Der Vorstand des Förderverein Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne e.V. ist bei seiner Vorstandsitzung am 07.04.2011 zu folgendem Beschluss gekommen:
"Belassung des Obelisken in der heutigen Form. Seine Geschichte wird an exponierter Stelle in Form einer oder mehrerer Tafeln dargestellt. Die Tafeln nehmen in Wort und Bild Stellung und zu dem Denkmal in seiner ursprünglichen Form und der Entwicklung zum heutigen Zustand."
Begründung:
Die immer wiederkehrende Feststellung oder Annahme, dass nur "einige" oder auch nur "wenige" orthodoxe Christen auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter liegen, führt leider ebenso so zur Ansicht, dass das orthodoxe Kreuz nicht die Mehrzahl der auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter liegenden Toten repräsentieren könnte. Auf Grund zahlreicher Quellen, die den Mitarbeitern der Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne vorliegen, ist diese Ansicht nicht belegbar bzw. spekulativ. Eher ist derzeit die Meinung nachvollziehbar, dass der überwiegende Teil der Toten orthodoxe Christen waren. Ferner sei daran erinnert, dass auch Moslems, Buddhisten, Atheisten auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter ihre letzte Ruhestätte fanden. Ob Personen mit jüdischem Glauben hier bestattet wurden, ist derzeit nicht eindeutig zu beweisen. Dass Juden im Stalag 326 (VI K) Senne waren, ist unbestreitbar.
Haben die Toten und Überlebenden für dieses Symbol bzw. für die Rote Fahne gekämpft? Diese Ansicht ist generalisierend und daher nicht akzeptabel. Diese Meinung suggeriert unter anderem, dass es hierbei um die kollektive Verteidigung eines politischen Systems ging. Jegliche Kritik der ehemaligen Kriegsgefangenen an die stalinistisch geprägte Sowjetunion bleibt völlig unberücksichtigt. Ebenso, dass Stalin alle Kriegsgefangenen als Vaterlandsverräter und Deserteure bezeichnete, s.a. Befehl Nr. 270 vom 16. August 1941. Millionen von befreiten Kriegsgefangenen durchliefen die Filtration und viele von ihnen gerieten anschließend in Gefangenschaft bzw. in die Speziallager Stalins. Welche persönliche Bedeutung das Staatssymbol der UdSSR tatsächlich für jeden sowjetischen Armeeangehörigen hatte bzw. noch heute hat, ist fraglich und spekulativ, besonders unter Berücksichtigung der Erfahrungen in ihrer Heimat bzgl. des o.g. Befehls. Auffällig ist auch, dass die Zwangsrekrutierung von einer bisher unbekannten Größe von Armeeangehörigen völlig undiskutiert bleibt. Ferner bleibt unberücksichtigt, dass mehrere zehntausend Rotarmisten dem Aufruf der orthodoxen Kirche folgten, d.h. Metropolit Sergij rief am Tag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion alle Gläubigen dazu auf, den Kampf für das Vaterland aufzunehmen. Aufgrund der Entstehungsgeschichte der Sowjetunion bzw. der politischen Entwicklung in der damaligen Sowjetunion ist der Begriff "Vaterland" nicht für alle Bürger der damaligen Sowjetunion gleichwertig. Warum jemand in der Roten Armee kämpfte oder kämpfen musste ist nicht nachweisbar.
Die Überlebenden oder die Erbauer des Obelisken fordern bzw. wünschen sich die Rote Fahne zurück? Auch hier wird der Eindruck vermittelt, dass es Konsens unter den ehemaligen Kriegsgefangenen des Stalag 326 (VI K) bzgl. der Diskussion um die Wiederanbringung Roten Fahne gäbe. Auch dieses Argument ist verallgemeinernd und deshalb inakzeptabel. Wie viele Überlebende fordern denn die Rote Fahne wieder zurück? Und können oder dürfen einige Überlebende als repräsentativ für alle noch Überlebenden und Toten des Stalag 326 (VI K) gelten? Und möchten sie das überhaupt? Die Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne hat derzeit zu fast 60 ehemaligen Kriegsgefangenen des Stalag 326 (VI K) Kontakt aufgenommen. Keiner dieser Überlebenden ist bisher in die Diskussion um die Rote Fahne involviert. Was geschähe denn, wenn jetzt die Rote Fahne wiederkäme und ehemalige Kriegsgefangene, die bisher noch nicht befragt wurden, die Abnahme der Roten Fahne forderten? Wenn die Meinung der Überlebenden des Stalag 326 (VI K) bei der Diskussion um die Wiederanbringung der Roten Fahne entscheidend sein soll, dann wäre es doch nur richtig und nachvollziehbar, wenn alle Überlebenden des Stalag 326 (VI K) nach ihrer persönlichen Meinung befragt würden. Es gibt derzeit keine Mehrheitsmeinung der Überlebenden.
Bei der Diskussion um die erneute Anbringung der Roten Fahne ist es nicht ausreichend, dass nur die russische Regierung nach ihrer Meinung gefragt wird. Zwar steht auf dem Obelisk die Bezeichnung "russische Soldaten", dennoch sollte daran gedacht werden, dass die ehemalige Sowjetunion bis Anfang der 1990er Jahre eine Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken war. Daher handelt es sich bei den Toten auch um Opfer aus den Nachfolgestaaten, d.h. Ukrainer, Weißrussen etc. Warum man sich damals nicht für die Nennung "sowjetische Soldaten" entschieden hat, ist unklar. Aufgrund dessen sollen die Regierungen der souveränen Nachfolgestaaten bei der dieser Entscheidung nicht unbefragt bleiben. Ebenfalls sollte die orthodoxe Kirche in die Diskussion mit einbezogen werden.
Der Obelisk auf dem Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter ist hinsichtlich seiner Geschichte einmalig, dennoch ist Wahl eines Obelisken und ähnlicher Formen auf sowjetischen Kriegsgräberstätten nicht ungewöhnlich. Besonders die Anbringung von roten Sternen und/oder der Fahne der UDSSR und ähnlichen Symbolen ist bei allen Gedenksteinen, Mahnmale oder Erinnerungsmonumenten nachweisbar. Deshalb ist die These berechtigt, dass eine Gruppe von befreiten Kriegsgefangenen zwar den Obelisken baute aber bei der Gestaltung Vorgaben hatte. Dieser Frage wird zurzeit nachgegangen.
Ebenso sollte bei der Diskussion das Schreiben des damaligen Amtsdirektors der Gemeinde Schloß Neuhaus mit einbezogen werden: "Wir hatten vorgeschlagen, das reparaturbedürftige Denkmal zu entfernen und ein neues einfaches wieder zu errichten. Da gegen diesen Plan Bedenken bestanden, wollten wir die Reparatur des Denkmals vornehmen unter Fortlassung der Inschriften und sowj. Embleme. Wir hatten diese Art Reparatur fast durchgeführt und an Stelle der sowj. Sterne das griechische Balkenkreuz gesetzt, als die russische Kommandantur bei den englischen Dienststellen Einspruch einlegte. Es kam zu einer Verhandlung an Ort und Stelle zwischen englischen und russischen höheren Offizieren, dem britischen Residenten und deutschen Regierungsvertretern mit dem Ergebnis, dass die Inschriften und Embleme wieder angebracht werden mussten. Die einzige wesentliche Änderung ist die, dass auf der Spitze das Griechenkreuz steht." Wie die Vereinbarung letztlich zustande kam, ist heute nicht mehr nachweisbar.
Die Befürworter der Roten Fahne beziehen sich wiederholt darauf, dass Gäste aus dem In- und Ausland und ehemalige Kriegsgefangene die Anbringung der Roten Fahne wünschten bzw. forderten. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass Besucher und Besucherinnen aus dem In- und Ausland der Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne, Familienangehörige, ehemalige Kriegsgefangene und politische Vertreter aus Russland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Wiederanbringung der Rote Fahne verneinen. In vielen Fällen ist die Ablehnung eindeutig bzw. ist die Diskussion darum unverständlich und wird oftmals als unwichtig eingestuft. Es ist viel wichtiger, dass der Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter gepflegt ist. Besonders den Familienangehörigen geht es darum, dass ihre Angehörigen eine letzte und gepflegte Ruhestätte haben. Seit Eröffnung der Dokumentationsstätte Stalag 326 (VI K) Senne hat noch kein Besucher am Kreuz auf dem Obelisken Anstoß genommen. Botschaftsvertreter aus der Ukraine und aus Usbekistan äußerten sich während des Antikriegstages sehr kritisch über die Anbringung einer roten Fahne auf dem Obelisken.
Keinerlei Beanstandung gab es bisher bei Gruppen von Kriegsveteranen aus Weißrussland am Obelisken. Beim Arbeitsbesuch einer Expertengruppe nach dem Veteranenbesuch wurde ebenfalls keine Kritik am Kreuz auf dem Obelisken geäußert. Ebenso hat sich im letzten Jahr der stellvertretende russische Innenminister nicht kritisch zu dem orthodoxen Kreuz geäußert. Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Erfahrungen der Befürworter und die Bitten und Forderungen Einzelner nicht ausreichend sind, d.h. andere Meinungen und Erfahrungen werden erst gar nicht angeführt und zur Diskussion gestellt.
Die Meinung, dass durch die Wiederanbringung der Roten Fahne der Originalzustand des Obelisken erreicht wird, ist inakzeptabel. Wie die Fotos in der Veröffentlichung von Oliver Nickel "Der Ehrenfriedhof sowjetischer Kriegstoter in Stukenbrock-Senne" (Seite 16, 17 und 18) deutlich belegen, hat sich die ursprüngliche Form des Obelisken aufgrund der mehrfachen Renovierung verändert. Besonders der ehemals untere und treppenartige Teil wurde durch eine schräg nach unten verlaufende Architektur ersetzt.
Für viele Menschen steht die Symbolik der UdSSR für millionenfaches Leid, für ein verbrecherisches Regime der Unterdrückung. Nicht nur unter Stalin wurden unzählige und unschuldige Menschen verfolgt, gefoltert und ermordet. Auch diese Stimmen, wenn auch mittlerweile fast vollständig verstummt, müssen bei der Diskussion um die Wiederanbringung der Roten Fahne gehört und beachtet werden.
Die Meinung, dass das orthodoxe Kreuz für die "Kreuzzüge" steht ist indiskutabel. Es gab keine von der orthodoxen Kirche initiierten Kreuzzüge in das Heilige Land. Solche Vergleiche sind geschichtsverfälschend und der Diskussion nicht dienlich. Das orthodoxe Kreuz gibt den orthodoxen Christen ein Gefühl der spürbaren Anwesenheit Gottes. Selbst den meisten Menschen, die nicht gläubig sind, ist die Grundbedeutung des Kreuzes bekannt und sie verbinden mit der Hoffnung auf Auferstehung nichts Negatives. Die Diskussion darf nicht dazu führen, dass das Orthodoxe Kreuz in falsche Zusammenhänge gebracht bzw. negativ aufgeladen wird.
Schloß Holte-Stukenbrock (gl). Der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ sieht sich am Ziel: Der Obelisk auf dem Soldatenfriedhof in der Senne soll seine ursprüngliche Spitze zurückerhalten. Dabei handelt es sich um eine Glasplastik, die die rote Fahne des Kommunismus symbolisiert. Das orthodoxe Kreuz, das in den 50er-Jahren die Fahne ersetzte, soll abgenommen werden.
Laut „Blumen für Stukenbrock“ wird der Obelisk mit der Plastik so wiederhergestellt, „wie ihn die Überlebenden des Stalag 326 im Jahr 1945 erbaut hatten“. Dafür hatte sich der im linken politischen Spektrum angesiedelte Arbeitskreis seit Jahrzehnten eingesetzt. In dem Lager waren Zehntausende Kriegsgefangene vornehmlich aus der Roten Armee inhaftiert. Viele starben dort. Wie der Arbeitskreis-Vorsitzende Hubert Kniesburges am Donnerstag mitteilte, hatte sich sein Verein nach dem Regierungswechsel in Düsseldorf an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gewandt. Die Staatskanzlei habe dem Arbeitskreis mit Schreiben vom 8. März zugesichert, dass die „alsbaldige Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Obelisken“ in die Wege geleitet sei. Laut Kniesburges soll das Kreuz noch in der ersten Jahreshälfte durch die rote Fahne ersetzt werden. Das Kreuz soll „bis zur Abstimmung zwischen der Bezirksregierung Detmold und der Orthodoxen Kirche über den neuen Standort eingelagert werden“ – so zitiert „Blumen für Stukenbrock“ die Linie der rot-grünen Landesregierung. Kniesburges spricht davon, „dass auch in Stukenbrock eine Handlung aus den Zeit des Kalten Kriegs endlich korrigiert wird.“
Bernd Hedtmann von der Bezirksregierung bestätigte einen entsprechenden Erlass des Bauministeriums. Der persönliche Referent von Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl (FDP) sieht allerdings noch „deutlichen Gesprächsbedarf“. Nach seiner Ansicht sollte das Kreuz nicht abgenommen werden, bevor in Einklang mit der Orthodoxen Kirche in Deutschland ein neuer Standort feststehe. Hedtmann machte im Gespräch mit der „Glocke“ deutlich, dass er die Einlagerung des Kreuzes für keine akzeptable Lösung hält. „Da sind Sensibilitäten zu berücksichtigen“, gab er zu bedenken. Darauf wolle seine Behörde in weiteren Gesprächen mit dem Ministerium hinweisen. Aus Sicht von „Blumen für Stukenbrock“ ist Thomann-Stahl diejenige, die in den vergangenen Jahren die Wiederherstellung der Fahnenplastik verhindert hat.
"Dieses Banner steht nicht unter einem guten Stern"
Wie reagiert das bürgerliche Lager in der Stadt auf die rote Fahne? Bürgermeister Hubert Erichlandwehr (CDU) sagt, er seinicht über die geplante Veränderung auf dem Friedhof informiert worden. Es halte die Maßnahmefür „nicht erforderlich“. Der Obelisk sei in seiner gegenwärtigen Form ein würdiges Denkmal. Die Fahne sei ein „politisches Symbol, das auf dem Friedhof nichts zu suchen hat.“ Erichlandwehr merkt an: „Auch manche, die 1945 an dem Obelisk mitgebaut haben, sind unter der roten Fahne nicht sehr glücklich geworden.“
Manfred Büngener, langjähriger Schulrektor in Stukenbrock und in der Stalag-Dokumentationsstätte aktiv, ist „strikt dagegen“, das Kreuz zu ersetzen. „Was ist denn am aktuellen Zustand verkehrt?“, fragt er rhetorisch. Die rote Fahne sei ein Zeichen des Kommunismus. Das Kreuz sei ein viel umfassenderes Symbol. „Warum muss das jetzt wieder von neuem ideologisiert werden?“ Ratsherr Klaus Dirks (Bild), CDU-Vorsitzender in Schloß Holte-Stukenbrock, hält gleichfalls gar nichts von der roten Fahne. „Dieses Banner der roten Fahne. „Dieses Banner steht nicht unter einem guten Stern. Es hat auf einem Friedhof nichts zu suchen“, sagt er. Dirks ist sich sicher: „Daran werden sich viele stören.“ Seines stören.“ Seines Erachtens sollte auf einem Friedhof der religiöse Gedanke im Mittelpunkt stehen, nicht ein politisch-ideologischer.
Der Historiker Oliver Nickel (Bild rechts), Leiter der Stalag-Dokumentationsstätte und ausgewiesener Fachmann für den Soldatenfriedhof, rät zu einer differenzierten Betrachtungsweise. „Viele Gründe sprechen für die Fahne, viele dagegen.“ Ausdrücklich betont er, nicht eine abgestimmte Position des Fördervereins wiederzugeben, denn unter den Mitgliedern werde über das Für und Wider kontrovers diskutiert. Nickel hebt hervor, nicht richtig sei die Darstellung, mit der Rückkehr der Fahne werde dem Willen der letzten Überlebenden des Lagers entsprochen. Die Dokumentationsstätte habe Kontakt zu 60 ehemaligen Gefangenen, und bei denen gebe es ganz unterschiedliche Meinungen. Au-e Meinungen. Außerdem verweist Nickel auf ein Dokument aus dem Jahr 1958. Daraus gehe hervor, dass eine sowjetische Delegation der Abnahme der roten Fahne zugestimmt habe.
Unklar sei allerdings, unter welchen Bedingungen dieses Papier zustande gekommen sei. Auch mit der Fahne werde der Obelisk nicht in seinen Originalzustand versetzt. Nickel plädiert dafür, das ursprüngliche Aussehen durch ein Foto auf dem Gelände zu dokumentieren.
Dokumentationsstätte Stalag: Wissenschaftlich fundierte Fakten zur Regionalgeschichte
von Monika Schönfeld
Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Die Anerkennung der Arbeit durch die Zuschüsse von Stadt und Kreis geben der Dokumentationsstätte Stalag 326 Auftrieb. "Wir erleben eine positive Grundstimmung", sagen Vorsitzender Oliver Nickel, Werner Busch und Manfred Büngener vom Vorstand der Dokumentationsstätte.
Bereits einige Interessenten haben sich gemeldet, die ehrenamtlich mitarbeiten wollen, Spender und auch Schulen zeigen wieder Interesse an der Erinnerungskultur, bei der es um Informationen und die Aufarbeitung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und hier insbesondere der Rolle des Stammlagers in Stukenbrock-Senne geht. "Wir hoffen, dass wir in dieser Grundstimmung mehr Mitglieder werben können", sagt Manfred Büngener.
Oliver Nickel ist dabei, einen Arbeitskreis zusammenzustellen, der die Ausstellung in der Dokumentationsstätte, die sich im denkmalgeschützten Arrestgebäude auf dem heutigen Gelände der Polizeischule befindet, neu konzipiert. Berücksichtigt werden sollen dann die Schicksale der sowjetischen, aber auch der französischen, serbischen und belgischen Kriegsgefangenen. Auch die Geschichte nach 1945 gehört in das Haus der Dokumentationsstätte – die des Internierungslager Eselheide, des Sozialwerks Stukenbrock und der Landespolizeischule. Zurzeit werde daran gearbeitet, die Arbeit mit der Initiative "Stukenbrock-Senne hat Zukunft" zu vernetzen.
Priorität hat zurzeit, in Zusammenarbeit mit einem ukrainischen Historiker die 58 ehemaligen Kriegsgefangenen aus der Ukraine aufzusuchen, die mit Hilfe des Berliner Vereins Kontakt gefunden worden sind. "Es ist geplant, dass er die Ehemaligen bis zum Sommer mit der Videokamera besucht und sie aus ihrer Zeit im Stalag erzählen lässt", sagt Oliver Nickel. Diese Zeitzeugen-Interviews seien von unschätzbaren Wert. Es sei die letzte Gelegenheit, Berichte von Zeitzeugen zu bekommen. Aufgrund des hohen Alters der Überlebenden werde die Zeit knapp. "Für Besucher und Schüler ist es enorm beeindruckend, ge-schichtliche Begebenheiten aus erster Hand zu sehen und zu hören." Diese Berichte sollen mit Untertiteln in der Dokumentationsstätte gezeigt werden.
In ähnlicher, sehr persönlicher Form müsse auch die Geschichte des Sozialwerks aufgearbeitet werden. Viele der Vertriebenen, die im Sozialwerk eine Heimat gefunden haben, sind in Schloß Holte-Stukenbrock geblieben. Aufwändiger und schwieriger werde es, die Geschichte des Internierungslagers nachzuzeichnen. Bis 1947 waren nach dem Krieg nationalso-zialistische Funktionsträger auf dem Gelände inhaftiert. "Gerade die Vielfalt, die wir auf diesem einen Gelände seit 1941 gehabt ergeben sich Chancen. Alle, die wir gesprochen haben, sehen das ebenso", sagen die Vorstandsmitglieder.
Über die Europäische Union, Bund und Land wollen die Verantwortlichen Fördergelder bekommen, um im Garf-Archiv in Moskau weitere Dokumente zu sichten und zu sichern, die Auskunft über die Gefangenen und ihren Verbleib, auch ihren Tod, geben. "Das muss wissenschaftlich aufgearbeitet werden", sagt Oliver Nickel. Langfristiges Ziel sei, neben den Ehrenamtlichen eine wissenschaftliche Stelle zu etablieren. Nach der überwältigenden Resonanz der öffentlichen, offenen Führung soll sie zwei bis drei Mal dieses Jahr wiederholt werden. 2010 waren mehr als 100 Besucher gekommen, die sich für die Regionalgeschichte interessiert haben.
Dokumentationsstätte Stalag 326: Endlich Geld für viele Pläne
von Sabine Kubendorff
Schloß Holte-Stukenbrock. „So fundiert arbeitet keine andere Gedenkstätte auf dem Kriegsgefangenen-Sektor.“ Werner Busch ist stolz auf denvon ihm mitgegründeten Förderverein, der die Geschehnisse im Kriegsgefangenenlager in Stukenbrock-Senne aufarbeitet. Nach dürren Jahren ist nun offenbar der Durchbruch geglückt.
Von Historikern längst anerkannt und gewürdigt, haben sich inzwischen Politiker aller Parteien angeschlossen und dafür gesorgt, dass der Förderverein der Dokumentationsstätte Stalag 326 keine finanzielle Sorgen mehr hat. Spenden fließen, die Europäische Union hat Geld in Aussicht gestellt, und Vorstandsmitglied Manfred Büngener ist optimistisch, dass sich auch Land und Bund an der Finanzierung wichtiger Projekte beteiligen wollen.
Zum Beispiel daran, die Erinnerungen Überlebender in Bild und Ton festzuhalten. 58 Männer, die die Tortur in Stukenbrock-Senne überstanden haben, sind dem Fördervereinsvorsitzenden, Historiker Oliver Nickel, bekannt. Er hat sie alle angeschrieben, "einige erinnern sich noch sehr gut". Ein ukrainischer Historiker-Kollege wäre bereit, die Interviews vor Ort zu führen und mit der Videokamera aufzuzeichnen. Allerdings nicht umsonst. Das gilt auch für die Recherche im Staatlichen Archiv der Russischen Föderation in Moskau. Mehrere tausend Dokumente liegen dort noch. Es drängt Oliver Nickel, sie auswerten zu können. Aber: Die Reise
will erst einmal finanziert werden.
Ein anderes wichtiges Projekt den. Ein anderes wichtiges Projekt bezahlt die Familie-Osthushenrich-Stiftung: das Lernportal im neuen Internetauftritt. Letzterer wird in der nächsten Woche freigeschaltet. Am Lernportal, aus dem sich Schüler und Lehrer Material herunterladen können, wird gearbeitet. "Wir sind derzeit die einzige Gedenkstätte", sagt Oliver Nickel nicht ohne Stolz, "die das bieten wird."
Und auch die Ausstellung in dem historischen Gebäude auf dem ehemaligen Lagergelände an der Lippstädter Straße wird nach 15 Jahren komplett überarbeitet. Denn dokumentiert werden soll in etwa zwei Jahren auch die Besonderheit des Ortes in den Nachkriegsjahren. Heute befindet sich auf dem Gelände die Polizeischule, davor war dort das Sozialwerk Stukenbrock – vorübergehende Heimat vieler Flüchtlinge und Übersiedler.
Zwischen Sozialwerk und Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 im April 1945 durch die Amerikaner nutzen die Briten das Gelände für einige Jahre: als Internierungslager für Deutsche. "Auch wenn immer wieder die Gerüchte kursieren, dort wären nur Unschuldige inhaftiert gewesen", betont Oliver Nickel, Spruchkammerakten aus Koblenz würden etwas anderes beweisen. "Im Internierungslager Eselheide waren viele Nazi-Größen." Ein Kapitel, das der Historiker unbedingt aufarbeiten will.
Viel Arbeit für die wenigen aktiven Ehrenamtlichen vom Förderverein, die immer öfter auch Angehörige von verstorbenen Kriegsgefangenen betreuen. Die Ehrenamtlichen können jetzt auf Unterstützung hoffen. Fünf Interessierte haben sich auf einen Aufruf gemeldet, wollen mitarbeiten. Nickel, Büngener und Ehrenvorsitzender Busch hoffen, dass die Neuen auch Führungen durch die Ausstellung übernehmen werden. Denn das Interesse daran wächst, wie im vergangenen Jahr auch die erste öffentliche Führung bewies. Gerechnet hatte Nickel mit einer Handvoll Besucher, gekommen sind mehr als 100. Deshalb sollen in Zukunft pro Jahr zwei bis drei solcher öffentlichen Führungen angeboten werden.
"Freude und Dankbarkeit"
Je 2.500 Euro von Stadt und Kreis erhält der Förderverein der Dokumentationsstätte in diesem und im nächsten Jahr – und Vorsitzender Oliver Nickel spricht von „Freude und Dankbarkeit“. Das Geld für Miete und Heizung für das Ausstellungsgebäude ist also sicher da. Mithin können die Beiträge der 45 Mitglieder für wissenschaftliche Arbeit ausgegeben werden. - sk
(von Sabine Kubendorf, Neue Westfälische, 18.02.2011)